Wird der Klimaschutz in Deutschland wirtschaftlichen Interessen geopfert?

In unserer Reihe #CleverMinds sprechen wir mit klugen Köpfen aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft über die Verkehrswende und den Klimaschutz. Im heutigen Gastbeitrag fordert Dr. Katharina Reuter, Geschäftsführerin von UnternehmensGrün, eine deutlich radikalere Klimaschutzpolitik von der deutschen Regierung. Wir finden, sie hat recht. Wie sie diese Forderung begründet, lest ihr hier.

Katharina Reuter UnternehmsGrün

Kein Wohlstand ohne Klimaschutz

Wenn ich mir die Lobbyaktivitäten der dunklen Seite der Macht, also der Industriekonzerne und deren Verbände, anschaue, ist diese Frage unbedingt mit „ja“ zu beantworten. Und da geht es nicht nur darum, wie Merkel im Auftrag der Autoindustrie strengere CO2-Regeln in Brüssel blockiert, sondern auch um die Schwarzmalerei, die die Industrie betreibt, wenn es um eine wirksame CO2 Bepreisung in Deutschland geht.


Da ist dann zu hören „da wandert die Industrie sofort ab“ oder „dann fallen xy Arbeitsplätze weg“ – echte Panikmache, damit sich hier bloß nichts hin zu einem radikalen Klimaschutz ändert. Aber genau das ist es, was wir brauchen. Eine radikale Klimaschutzpolitik. Und eine Verschiebung der Prioritäten: Dann heißt es nämlich nicht mehr „Klimaschutz wird nur dann funktionieren, wenn unser Wohlstand dadurch nicht gefährdet wird“ (Bundeswirtschaftsminister Altmaier, 4.3.2019) – sondern „Kein Wohlstand ohne Klimaschutz“.

„Die amtierende Bundesregierung muss endlich aufwachen. Und sich künftig weniger von den klassischen Industrieverbänden und Großunternehmen beraten lassen, sondern mehr auf die fortschrittlichen, klimafreundlich wirtschaftenden Unternehmen hören.“

Wir brauchen eine jährlich wachsende CO2-Steuer

Nicht nur #FridaysForFuture machen uns deutlich: Wir sind mitten in der Klimakrise und wir brauchen jetzt entschiedenes Handeln. Besonders pikant: Es gibt bereits die Technologien und Geschäftsmodelle, die wir für eine dekarbonisierte Wirtschaft brauchen. Es gibt bereits heute die Unternehmen, die aus voller Überzeugung auf Klimaschutz setzen. Aber nicht wegen der Politik, sondern trotz der politischen Rahmenbedingungen. Denn wir haben einen unfairen Markt. Wir vermissen wahre Preise. U.a. für CO2. Wenn das UBA die Klimaschadenskosten von einer Tonne CO2 auf 180 EUR beziffert, wie kann es dann sein, dass die Tonne CO2 für 20 EUR zu haben ist? Das kann nicht funktionieren.


Deshalb brauchen wir für eine radikale Klimaschutzpolitik u.a. eine CO2-Steuer, die jährlich anwächst. Und natürlich wird das zu Umbrüchen führen. Auch in der Wirtschaft. Auch – und gerade – im Verkehrssektor. Aber wir können nicht einfach immer so weitermachen. Klar ist auch: Mit höheren CO2-Preisen rechnen sich dann endlich auch wieder Effizienz- und Energiesparmaßnahmen – wo heute die Investitionsentscheidung nicht getroffen wird, da die Amortisationsdauer zu lang ist.


Die amtierende Bundesregierung muss endlich aufwachen. Und sich künftig weniger von den klassischen Industrieverbänden und Großunternehmen beraten lassen, sondern mehr auf die fortschrittlichen, klimafreundlich wirtschaftenden Unternehmen hören. Diese melden sich gerade mit der Initiative „Entrepreneurs For Future“ zu Wort – mit ganz konkreten Forderungen, etwa zur CO2-Bepreisung, zum Klimaschutzgesetz oder zur Verkehrswende.

Über die Autorin

Katharina engagiert sich seit vielen Jahren für die nachhaltige Wirtschaft – zunächst in Lehre und Forschung, dann im Stiftungs- bzw. Verbandsbereich. Seit 2014 führt sie die Geschäfte von UnternehmensGrün, der politischen Stimme der nachhaltigen Wirtschaft. Katharina ist u.a. Mitbegründerin von Ecopreneur.eu (European Sustainable Business Federation) und Entrepreneurs For Future.