Interview: Amos Haggiag von Optibus über effiziente Planung im ÖPNV

Interview: Amos Haggiag von Optibus

Thema: Effiziente Planung im ÖPNV

Mobilität ist eines der wichtigsten Bedürfnisse des Menschen – für fast alle Lebensbereiche und -entscheidungen spielt die Erreichbarkeit von Orten eine grundlegende Rolle. Die drohenden Folgen des Klimawandels bedeuten allerdings auch, dass wir die bestehenden Verkehrssysteme und die Art und Weise, wie wir uns fortbewegen, umweltfreundlicher und moderner gestalten müssen.

Umweltfreundliche Verkehrssysteme: Entscheidende Rolle für den ÖPNV

Aktuell ist der Verkehrssektor laut offiziellen Angaben der Bundesregierung mit rund 20% CO2-Ausstoß der drittgrößte Verursacher von Treibhausgasemissionen in Deutschland. Den weitaus größten Teil der Verkehrsemissionen verursacht dabei mit 96% der Straßenverkehr. Um die offiziellen Klimaziele zu erreichen, plant die Bundesregierung, den CO2-Ausstoß im Verkehrsbereich bis 2030 um 65 Mio. Tonnen zu reduzieren. Ein ambitioniertes Ziel, bei dem der Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs eine entscheidende Rolle spielen soll: Bis zum Ende des aktuellen Jahrzehnts muss der ÖPNV seine Fahrgastzahlen per Gesetz verdoppeln.

Angesichts von rückläufigen Fahrgastzahlen, mangelnder Attraktivität und häufig veralteten Technologien bedeutet das eine große Herausforderung für den ÖPNV. Ein Bereich, in dem lange mit Stift, Papier und Excel geplant wurde, muss sich nun innerhalb von kürzester Zeit vollständig modernisieren. Eines der Unternehmen, das die entsprechende Technologie dafür zur Verfügung stellt, ist das Unternehmen Optibus. Wir haben mit Amos Haggiag, dem CEO von Optibus, über die Bedeutung von Planung im ÖPNV, ihre Herausforderungen und Chancen gesprochen.

Herr Haggiag, Optibus bietet eine Lösung, mit der der ÖPNV intelligent, effizient und attraktiv geplant werden kann. Wie funktioniert das genau?

Optibus ist eine cloudbasierte Online-Plattform, die mithilfe von künstlicher Intelligenz den gesamten Verkehrsfluss von öffentlichen Verkehrsmitteln planen und steuern kann. Mit Optibus lassen sich also zum einen Routen planen, bestehende Routen ändern, die Bedienfrequenz flexibel und auf die Tageszeit abgestimmt definieren und Fahrpläne optimieren – alles, was die Netzplanung betrifft, kann über Optibus gesteuert werden.

Dann gibt es noch die Ressourcenplanung. Also wie viele Fahrer:innen werden gebraucht und wie viele Fahrzeuge? Soll es ein Elektro-, Diesel-, Hybrid- oder Gasfahrzeug sein? Welches Budget wird benötigt? Der dritte Teil ist der laufende Betrieb, also alle Fragen rund um die Schichtplanung, Verkehrs- und Stau-Management und und und. Wir bieten also die komplette End-to-End-Plattform für den ÖPNV, von der Entwicklung bis zum Betrieb.

Wo sehen Sie dabei die größten Unterschiede zur ÖPNV-Planung, wie sie aktuell aussieht?

In großen Teilen ist die Planung heute noch ein manueller Prozess, in dem sehr oft mit simplen Programmen und Systemen, etwa zur Visualisierung von Fahrplänen gearbeitet wird. Es gibt keine cloudbasierten Systeme, die Daten auswerten und so intelligente Lösungen vorschlagen können, die die Effizienz und den Service für Fahrgäste deutlich verbessern. Genau hier setzen wir an. Unser Algorithmus kann sämtliche Aspekte rund um die ÖPNV-Planung und dessen Betrieb in Echtzeit optimieren. Künstliche Intelligenz für den öffentlichen Nahverkehr eben.

Im Grunde genommen kann Ihr System also jeden Verkehrsdienst planen, den es gibt, richtig?

Fast – jeden öffentlichen Verkehrsdienst. Wir befassen uns nicht mit Privatautos und Taxis und dergleichen, sondern mit jeder einzelnen öffentlichen Transportart, einschließlich den On-Demand-Verkehren. Gerade in dieser Branche gibt es einige Unternehmen, die bereits sehr modern aufgestellt sind. Aber all diese Unternehmen konzentrieren sich auf die sogenannte erste und die letzte Meile.

Wir sind der Meinung, dass die Strecke dazwischen, also der Hauptteil des Systems, der Millionen von Menschen in jeder Stadt befördert, ziemlich vernachlässigt wird. Es wird kaum versucht, Busse, Züge, U-Bahnen oder Straßenbahnen zu verbessern. Diese große Infrastruktur, die doch so wichtig ist. Optibus ist das einzige Start-up-Unternehmen, das das aktuell macht.

Mithilfe von Daten können Sie die Planung des ÖPNV verbessern. Woher beziehen Sie Ihre Daten und wie genau nutzen Sie sie?

Die meisten Daten stellen uns die Verkehrsunternehmen selbst zur Verfügung. Das sind zum einen statistische Daten wie die Streckenverläufe, die Position der Haltestellen, die Fahrpläne. Das sind öffentliche Daten, die sie beispielsweise auch über Dienste wie Google Maps finden. Darüber hinaus arbeiten wir – sofern vorhanden – auch mit historischen Daten. Wie pünktlich sind und waren etwa bestimmte Routen? Auch Echtzeit-Informationen wie den Standort der Fahrzeuge oder die Anzahl der Fahrgäste in einem Verkehrsmittel können wir nutzen.

Mit all diesen Daten berechnen wir dann für unsere Kund:innen verschiedene Szenarien. In einem Szenario liegt der Fokus beispielsweise auf der Verbesserung der Qualität der Fahrerschichten. Bei einem anderen wird der Service verbessert, also die Frequenz der Verkehrsmittel erhöht. Das alles können wir für die verschiedensten Budgets durchspielen.

Die Daten sind aber gar nicht unsere größte Herausforderung. Die besteht viel eher darin, alle individuellen Einschränkungen, Vorschriften und auch Vorlieben unserer Kund:innen in den verschiedenen Märkten zu berücksichtigen. Zum Beispiel müssen Fahrer:innen alle vier oder alle sechs Stunden eine Pause einlegen. Solche Vorschriften einzuplanen, kann einige Zeit in Anspruch nehmen.

Neben einer effizienteren Planung im ÖPNV – wo sehen Sie darüber hinaus akuten Modernisierungsbedarf?

Ganz klar sind größere Investitionen in die Infrastruktur nötig. Das sind zum einen die Elektrobusse. Hier ist China führend – 99% aller Elektrobusse weltweit fahren momentan in China. Auch Deutschland ist in diesem Bereich schon recht weit fortgeschritten und investiert weiter.

Das zweite Thema sind autonome Fahrzeuge. Momentan gibt es die nur in Pilotprojekten, weil die Technologie einfach noch nicht so weit ist, um im ÖPNV genutzt zu werden. Ich gehe aber davon aus, dass sich das in etwa 10 Jahren ändern wird, und dann haben wir, was die Effizienz angeht, noch einmal ganz andere Möglichkeiten – mehr Routen, höhere Frequenzen oder dynamischere Netze zum Beispiel.

Wir haben noch eine Abschlussfrage für Sie, die wir allen unseren Expert:innen im Interview stellen: Mit welchem Verkehrsmittel werden Sie 2035 zur Arbeit fahren?

Ich lebe in Israel und fahre dort aktuell mit einem Fahrzeug namens Onewheel zur Arbeit. Das sieht ein bisschen aus wie ein Skateboard, hat aber nur ein Rad. Es ist klein, elektrisch und ich kann es überallhin mitnehmen. Vermutlich werde ich 2035 ganz ähnlich zur Arbeit fahren, ich hoffe allerdings, dass es bis dahin leichtere Alternativen gibt – mein Onewheel wiegt nämlich 12 Kilogramm. Das ist es, was ich gerne sehen würde: Ein leichtes, persönliches Fahrzeug, das einen flexibel zur Bahn und zum Bus bringt und vielleicht sogar auf dem Rücken getragen werden kann.

Amos Haggiag Optibus
Autor:in

Amos Haggiag

Amos Haggiag ist CEO und Co-Gründer von Optibus, einer innovativen Softwareplattform für den öffentlichen Nahverkehr, die komplexe Verkehrsabläufe in über 500 Städten weltweit koordiniert und optimiert.

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